Stadtrundgang

Unser Stadtrundgang soll eine Auseinandersetzung um die Geschichte des Kolonialismus und ihre bis heute andauernden Folgen anregen. Am Fall von Frankfurt am Main wollen wir historische und gegenwärtige Bezüge zum Kolonialen im Lokalen thematisieren. Der Plan zeigt Orte, an denen verschiedene Formen solcher Bezüge beispielhaft aufscheinen. Diese Orte sollen und können den lokalen Raum des Kolonialen nicht vollständig oder repräsentativ abbilden, denn Kolonialismus manifestiert(e) sich vor allem in Herrschaftsbeziehungen und Strukturen. Vielmehr sollen die Orte Ausgangspunkte sein, um Fragen danach aufzuwerfen, inwieweit auch die deutsche Gesellschaft noch immer kolonial geprägt ist, und um Kritik und Intervention gegenüber solchen Kontinuitäten anzuregen.

Bild der Rückseite der Stadtrundgangskarte (v01.2019).

Zum Stadtrundgang haben wir eine Karte entworfen, die ihr hier als PDF herunterladen könnt: Stadtrundgang-Karte von frankfurt.postkolonial (01.2019, PDF, 14,9MB).

Bei den Rundgängen werden in aller Regel nicht alle Stationen an den in der Karte verzeichneten Orten abgelaufen. Der zeitliche Umfang von etwa zwei Stunden erlaubt üblicherweise nur ausgewählte Stationen im Innenstadtbereich anzulaufen. Je nach Interesse der teilnehmenden Gruppe können die Stationen im Vorfeld individuell abgestimmt werden.

Im Folgenden stellen wir einige der im Rundgang präsentierten Orte skizzenhaft vor, um einen schlaglichtartigen Einblick auf unsere Arbeit zu geben. Die jeweils aktuellen Termine für den Stadtrundgang geben auf unserem Blog bekannt. Wir freuen uns über Anregungen, Kritik und Terminanfragen: Kontakt.

Kolonialwarenläden

Im Jungen Museum steht die Originaleinrichtung eines Kolonialwarenladens, von denen um das Jahr 1900 allein in Frankfurt über 1.100 existierten. Sie sorgten für die Einführung von Kolonialprodukten, die mit einer Verbreitung von exotisierenden und rassistischen Werbung­en Hand in Hand ging. Kolonialwarenläden beförderten den Wunsch nach kolonialer Expansion und veränderten das Konsumverhalten bis heute nachhaltig.

Koloniale Straßennamen in der Siedlung Westhausen

1933 und 1935 benannten lokale NS-Machthaber fünf Straßen in der Siedlung Westhausen, die ihnen als »rotes Viertel« galt, nach Orten und Akteuren der deutschen Kolonialherrschaft. Nach kontroversen Ausein­andersetzungen über die politische Bewertung »monarchistischer Bezeichnungen« beschloss die Stadtverordnetenversammlung 1947 die Umbenennung dieser Straßen. Der Vorgang stand im Zeichen der politischen Aufarbeitung des Nationalsozialismus; der Kolonialismus bzw. die Erinnerung daran hat nur eine untergeordnete Rolle gespielt.

Johannes von Miquel – Mitbegründer des Deutschen Kolonialvereins

Johannes Franz von Miquel (*1828, † 1901) war langjähriger Abgeordneter im Preußischen Abgeordnetenhaus, im Reichstag des Norddeutschen Bundes und im Reichstag des deutschen Kaiserreichs. 1880 bis 1890 amtierte von Miquel als Frankfurter Oberbürgermeister. In diese »Frankfurter Jahre« fiel auch sein Engagement für den Deutschen Kolonialverein, den er 1882 in Frankfurt mitgründete. Der Verein wirkte in Medien, Wirtschaft und Politik als zentrale Lobby für eine deutsche Kolonialexpansion.

»Völkerschauen«

Zwischen den 1880er und 1930er Jahren fanden in Panoptiken in der Kaiserstraße, im Zoologischen Garten und an anderen öffentlichen Orten mindestens 17 »Völkerschauen« statt. Dort wurden Menschen vor allem aus außereuro­päischen Ländern zur Schau gestellt, um dem Publikum in vermeintlich authentischer Weise »exotisches« Alltagsleben darzubieten. Die »Völkerschauen« trugen zur Popularisierung kolonialer Bilderwelten und Phantasien bei, die die deutsche Gesellschaft bis heute beeinflussen.

The Ivory Club: »Zeitgenössische Kolonialküche«

Die Gräueltaten des Kolonialismus sind in Frankfurt meist vergessen. An dieser Stelle findet mensch sich mit einem Restaurant im Kolonialstil konfrontiert, welches versucht die »Eleganz englischer Gentlemen Clubs in British India« zu imitieren. Indem Orte mit kolonialnostalgischem Herrschaftsambiente (re)inszeniert werden, prägen sie weiterhin eine positive Erinner­ungskultur europäischer Expansionsphantasien.

Die Deutsche Bank: Ein Kind des deutschen Kolonialismus

Mit dem Ziel, die deutschen Auslandsgeschäfte zu finanzieren, wurde die Deutsche Bank 1871 in Berlin gegründet. Die Erschließung von Ressourcen und Gütern in den Kolonien wurde durch die Deutsche Bank finanziert, aber auch Mili­täreinsätze wurden mit ihrer Hilfe ermöglicht. Sitz der Bank ist heute Frankfurt.

Gallus – »Klein Kamerun«

Wahrscheinlich aufgrund der Lage auf dem ehemaligen »Galgenfeld« außerhalb der Stadtmauern und der späteren Ansiedlung von Industriearbeiterinnen wurde das Viertel Gallus vom Frankfurter Bürgertum auch »Klein Kamerun« genannt. Die Arbeiterinnen im Gallus wurden dadurch im übertragenden Sinne »die Kameruner« des städtischen Bürgertums. Diese Begebenheit mit ihren noch heute spürbaren Konsequenzen zeigt, wie kolonial-rassistische Repräsentationen Eingang in den lokalen Sprachgebrauch fanden und für klassenspezifische Unterscheidungen genutzt wurden.

Die Sunda-Expedition der Frankfurter Geographischen Gesellschaft

Die Frankfurter Geographische Gesellschaft war im ausgehenden 19. Jahrhundert eine bedeutende Verfechterin kolonialpolitischer Forderungen und maßgeblich an der Gründung des Deutschen Kolonialvereins beteiligt. 1909 entsandte sie den Wissenschaftler Johannes Elbert auf eine Expedition in die Kolonie Niederländisch-Indien. Neben anthropologischen Untersuchungen, in der er die Bevölkerung nach rassistischen Kriterien kategorisierte, entwendete Elbert mehrere Grabpfeiler, die sich noch heute im Besitz des Weltkulturen Museums befinden.

Hoffmanns Struwwelpeter

Der Frankfurter Psychiater, Lyriker und Kinderbuchautor Heinrich Hoffmann (* 1809, † 1894) schrieb und illustrierte 1844 das Kinderbuch Struwwelpeter mit der »Geschichte von den schwarzen Buben«. Darin zeigt sich exemplarisch, wie in (Kinder-)Literatur rassistische Figuren und Ideen verbreitet und normalisiert werden. Widerstand gegen diesen Literaturkanon wird vielfach, aber nicht nur, von Schwarzen Menschen geleistet, trifft bei der weißen Mehrheitsgesellschaft aber oft auf Unverständnis.

Senghor Proteste

1968 wurde dem senegalesischen Präsident Léopold Senghor der Friedenspreis des deutschen Buchhandels in Frankfurt verliehen. Die Preisverleihung in der Paulskirche wurde von entschiedenen Protesten, initiiert von Frankfurter Studierenden aus dem Senegal, gestört. Unter anderem wurde Senghor kritisiert, für die neokoloniale Ausbeutung und die gewaltsame Repression der Studierendenproteste im Senegal verantwortlich zu sein. Obwohl Studierende aus dem Globalen Süden in ganz Westdeutschland einen bedeutenden Anteil an der hiesigen Studierendenbewegung hatten, spielt deren Beitrag im Erinnerungsdiskurs kaum eine Rolle.

Seifen- und Parfümerie­fabrik »Mouson und Co«

Die Frankfurter Firma »Mouson« war bis in die 1970er Jahre eine der bekanntesten deutschen Kosmetikhersteller. Bei der Bewerbung ihrer Produkte reproduzierte sie koloniale, rassistische und sexistische Stereotype. Während die moderne Körperhygiene als zivilisatorische Errungenschaft in Abgrenzung zum Naturzustand dargestellt wurde, wurde die scheinbare Natürlichkeit weiblicher Körperpflege hervorgehoben. In Bezug auf körperliche Schön- und Reinheitsvorstellungen werden bis heute weiße Körper normalisiert, Schwarze Körper hingegen (z. B. durch Bleichcremes) problematisiert.

Bild der Vorderseite der Stadtrundgangskarte (v01.2019).