Stadtrundgang

Unser Stadtrundgang soll eine Auseinandersetzung um die Geschichte des Kolonialismus und ihre bis heute andauernden Folgen anregen. Am Fall von Frankfurt am Main thematisieren wir historische und gegenwärtige Bezüge zum Kolonialen im Lokalen. Der Rundgang führt an Orte, an denen verschiedene Formen solcher Bezüge beispielhaft aufscheinen. Diese Orte sollen und können den Raum des Kolonialen in Frankfurt nicht vollständig oder repräsentativ abbilden, denn Kolonialismus manifestiert(e) sich vor allem in Herrschaftsbeziehungen und Strukturen. Vielmehr sollen die Orte Ausgangspunkte sein, um Fragen danach aufzuwerfen, inwieweit auch die deutsche Gesellschaft noch immer kolonial geprägt ist, und um Kritik und Intervention gegenüber solchen Kontinuitäten anzuregen. Im Folgenden stellen wir einige der im Rundgang präsentierten Orte skizzenhaft vor, um einen schlaglichtartigen Einblick in unsere Arbeit zu geben. Die jeweils aktuellen Termine für den Stadtrundgang geben wir unserem Newsletter bekannt. Wir freuen uns über Anregungen, Kritik und Terminanfragen: Kontakt.

Zum Stadtrundgang haben wir eine Karte entworfen, die ihr hier als PDF herunterladen könnt: frankfurt_postkolonial_map_2015 (PDF, 6,8MB)

Kolonialwarenläden

Um 1900 gab es allein in Frankfurt 1.171 Kolonialwarenläden. Die Originaleinrichtung eines solchen steht heute im kinder museum frankfurt. Der Kolonialwarenladen im Kindermuseum lädt Schulklassen zum Spielen ein, ohne aber Kolonialismus selbst zum Thema zu machen. Kinder können zwar lernen, dass Waren aus verschiedenen Weltregionen kamen, erfahren allerdings nichts über den Ausbeutungscharakter des kolonialen Warenhandels und das damit verbundene Leid.

 

Koloniale Straßennamen in der Siedlung Westhausen

1933 und 1935 benannten lokale NS-Machthaber fünf Straßen in der Siedlung Westhausen, die ihnen als „rotes Viertel“ galt, nach Orten und Akteuren der deutschen Kolonialherrschaft. Nach kontroversen Auseinandersetzungen über die politische Bewertung „monarchistischer Bezeichnungen“ beschloss die Frankfurter Stadtverordnetenversammlung 1947 die Umbenennung dieser Straßen. Der Vorgang stand im Zeichen der politischen Aufarbeitung des Nationalsozialismus; der Kolonialismus bzw. die Erinnerung daran hat nur eine untergeordnete Rolle gespielt.

 

Johannes von Miquel – Mitbegründer des Deutschen Kolonialvereins

Johannes Franz von Miquel (1828-1901) war ein preußischer Politiker und langjähriger Abgeordneter im Preußischen Abgeordnetenhaus, im Reichstag des Norddeutschen Bundes und im Reichstag des deutschen Kaiserreichs. Von 1880 bis 1890 amtierte Miquel als Frankfurter Oberbürgermeister. In diese „Frankfurter Jahre“ fiel auch sein Engagement für den Deutschen Kolonialverein, den er 1882 in Frankfurt mit gründete. Der Verein wirkte in Medien, Wirtschaft und Politik als zentrale Lobby für eine deutsche Kolonialexpansion.

 

„Völkerschauen“

Zwischen den 1880er und 1930er Jahren fanden in Panoptiken in der Kaiserstraße, im Zoologischen Garten und an anderen öffentlichen Orten Frankfurts mindestens 17 „Völkerschauen“ statt. Dort wurden Menschen vor allem aus außereuropäischen Ländern zur Schau gestellt, um dem Publikum in vermeintlich authentischer Weise „exotisches“ Alltagsleben darzubieten. Die „Völkerschauen“ trugen zur Popularisierung kolonialer Bilderwelten und Phantasien bei, die die deutsche Gesellschaft bis heute beeinflussen.

 

The Ivory Club: „Kontemporäre Kolonialküche“

Die Gräueltaten des Kolonialismus sind in Frankfurt weitgehend vergessen. Im Restaurant „The Ivory Club“ finden sich Besucher/innen mit einem Kolonialstil konfrontiert, der die „Eleganz englischer Gentlemen Clubs in British India“ zu imitieren sucht. Indem Orte mit kolonialnostalgischem Herrschaftsambiente (re)inszeniert werden, prägen sie weiterhin eine positive Erinnerungskultur europäischer Expansionsphantasien.

 

Die Deutsche Bank: Ein Kind des deutschen Kolonialismus

Mit dem Ziel, deutsche Auslandsgeschäfte zu finanzieren, wurde die Deutsche Bank 1871 in Berlin gegründet. Die Bank finanzierte die Erschließung von Ressourcen und Gütern in den Kolonien und beteiligte sich an der Finanzierung kolonialer Militäreinsätze.

 

„Die Kameruner 1922 e. V.”

Der Karnevalsverein „Die Kameruner 1922 e. V.“ ist seit seiner Gründung im Frankfurter Stadtteil Gallus ansässig. Höhepunkt jeder Karnevalssaison war bis 2011 die so genannte „Negersitzung“. Dabei färbten sich Akteure auf der Bühne ihre Gesichter schwarz und tanzten in Baströcken, Fellen und mit Afroperücken. Diese Art der Repräsentation orientierte sich an einem kolonial-rassistischen Bild von „Afrikaner_innen“, das noch immer weit verbreitet ist.

 

Die Sunda-Expedition der Frankfurter Geographischen Gesellschaft

Die Frankfurter Geographische Gesellschaft war im ausgehenden 19. Jahrhundert eine bedeutende Verfechterin kolonialpolitischer Forderungen und maßgeblich an der Gründung des Deutschen Kolonialvereins beteiligt. 1909 entsandte sie den Wissenschaftler Johannes Elbert auf eine Expedition in die Kolonie Niederländisch-Indien. Neben anthropologischen Untersuchungen, in denen er die Bevölkerung nach rassistischen Kriterien kategorisierte, entwendete Elbert mehrere Grabpfeiler, die sich noch heute im Besitz des Frankfurter Weltkulturen-Museums befinden.