Sima Luipert

Als Überlebende in der vierten Generation des deutschen Genozids an den Ovaherero und Nama ist Sima Luipert eine Schlüsselfigur im Kampf der Nama um Gerechtigkeit. Als Sprecherin des Technical Committees der Nama Traditional Leaders Association (NTLA) weist sie lautstark und unermüdlich auf die historische Verantwortung und Schuld Deutschlands hin. Seit vielen Jahren setzt sie sich international für die Interessen der Nama und für Gerechtigkeit ein, insbesondere in Deutschland. Ob Frankfurt, Berlin, Stuttgart, Leipzig oder Hamburg – es gibt kaum eine deutsche Großstadt, in der sie noch nicht gesprochen hat. 

Teile des heutigen Namibias waren von 1884 bis 1918 deutsches Kolonialgebiet. Die koloniale Gewalt erreichte ihren Höhepunkt in Genoziden, denn das koloniale Kaiserreich versuchte, die Nama, aber auch die Ovaherero, Damara und San zu vernichten. Der Genozid an den Ovaherero und Nama wird auf die Zeit 1904 und 1908 datiert. Die Überlebenden wurden entschädigungslos enteignet, entrechtet und systematisch ihrer Lebensgrundlage beraubt. Der damals erlassene Vernichtungsbefehl gegen die Nama wurde bis heute nicht widerrufen. 

Als Nachfahrin einer Genozidüberlebenden und Aktivistin weigert sich Sima Luipert konsequent Schweigen oder Leugnen zuzulassen. Vor einer 12. Klasse in Berlin sagt sie über die deutsche Kolonialzeit: „Die deutschen Kolonialherren haben meine Vorfahren enteignet, gejagt, versklavt und getötet. Das ist auch eure Geschichte.“ 

Engagement für Gerechtigkeit und Selbstbestimmung

Die deutsche Regierung weigert sich bis heute Widergutmachungsverhandlungen mit den Nama und Ovaherero zu führen. 2021 veröffentlicht Deutschland eine gemeinsame Erklärung mit Namibia, an der weder Nama- noch Ovaherero-Vertreter*innen beteiligt wurden und stiehlt sich ein weiteres Mal vor völkerrechtlichen Konsequenzen davon, anstatt sich ihrer historischen Verantwortung zu stellen. Als Sima Luipert im Jahr darauf mit einer Delegation der Nama und Ovaherero nach Berlin reist und das Auswärtige Amt eine Einladung kurzfristig absagt, setzt Sima Luipert ein unmissverständliches Zeichen: Gemeinsam mit solidarischen Aktivist*innen projiziert sie den Schriftzug auf das alte Reichstagsgebäude: „REPARATIONS, NOT AID. RENEGOTIATE NOW WITH NAMA & OVAHERERO.“ 

Sowohl in Namibia selbst, in der Kommunalentwicklung als auch mit Forderungen nach Widergutmachung in Deutschland führt Sima Luipert den Kampf um Gerechtigkeit generationenübergreifend fort. Ihre Kindheit war geprägt durch das brutale Apartheid-Regime Südafrikas sowie die zunehmende Marginalisierung der Nama-Gemeinschaften in den letzten 33 Jahren vor der Unabhängigkeit Namibias. Als Teil der Namibia National Student Organisation (NANSO) führte sie 1988 die landesweiten Studierendenproteste an. Die Organisation setzte sich gegen die illegale Besatzung Namibias durch Südafrika ein und kämpfte erfolgreich dafür, dass alle Militärposten aus der Umgebung von Schulen und Krankenhäusern entfernt wurden. Heute ist sie Direktorin für Entwicklungsplanung in der namibischen Region Hardap, – die fast 43 Mal so groß ist wie das Saarland.

Erinnerungen an den Völkermord 

Sima Luiperts Stimme ist zutiefst politisch – und persönlich: Ihre Urgroßmutter, Katrina Frederick, von ihr liebevoll „Oumama“ genannt, wurde von deutschen Soldaten in das Konzentrationslager auf Shark Island deportiert, das in Namibia heute als Vernichtungslager bezeichnet wird. Zwischen 1904 und 1907 starben auf Shark Island tausende Menschen infolge der brutalen Zwangsarbeit und Folter im Lager oder wurden von deutschen Kolonialsoldaten getötet. Ihre Überreste wurden ins Meer geworfen oder für rassistische Forschung nach Deutschland verschifft. Bis heute befinden sich geraubte sterbliche Überreste in Deutschland. Sima Luipert sagt dazu bei einer Konferenz in Berlin: „Welche Forschung betreibt ihr noch an den Schädeln und Knochen? Das sind Familienmitglieder der Nama. Gebt uns einfach unsere Familienmitglieder zurück.“

1907 sollte das Konzentrationslager auf Shark Island geschlossen werden. Sima Luiperts Urgroßmutter musste als Sklavin Zwangsarbeit bei deutschen Siedler*innen verrichten. „Dort wurde sie von einem der deutschen Siedler vergewaltigt. So wurde meine Großmutter geboren: Aus diesem sexuellen Missbrauch heraus, der ein fester Bestandteil des Völkermords war“, erzählt sie.

„You will prove them wrong!“ 

Für ihren Kampf um Gerechtigkeit spielen Sima Luiperts Mutter und Großmutter eine entscheidende Rolle. Ihre Großmutter warnte sie stets: „Bleib weg von den weißen Leuten, sonst bringen sie dich auf die Insel und töten dich!“ Ihre Mutter hingegen schickte Sima Luipert als einziges Nama-Kind auf eine deutsche Schule zusammen mit den Nachfahren derer, die versucht hatten ihre Vorfahren auszulöschen. „Es war, als wollte meine Mutter durch mich beweisen, dass ich als Nama und damit auch sie selbst sowie meine Großmutter und Urgroßmutter dieselbe Menschlichkeit, Intelligenz und Fähigkeiten haben und dasselbe Blut, das durch alle Menschen fließt. Also schickte sie mich auf die deutsche Privatschule, die ich absolut hasste. Aber sie bestand darauf, dass ich dortblieb, und sagte: Sie werden dich heute zum Weinen bringen, aber sie werden dir nie deine Bildung wegnehmen. Also zeig ihnen, dass du eine Nama bist!‘“

Als Sima Luipert älter wurde, begann sie zu verstehen wie das Trauma des erlebten Genozids und den Nachfolgen über die Generationen von ihrer Urgroßmutter bis an sie selbst weitergegeben wurden. Und dass all diese Frauen auf ihre Art für Gerechtigkeit gekämpft hatten. Ihre Forderungen an Deutschland sind klar: „Ich sage es ganz deutlich: Ich will, dass Reparationen geleistet werden. Dazu gehört die Rückgabe von geklauten Ländereien und geraubten Gebeinen. Ich will den Schädel meines Urgroßvaters zurück. Deutschland muss seiner Verantwortung nachkommen, die Wahrheit aufzuarbeiten. Das ist das mindeste.“

von Anna Hofstetter

Quellen: 

Urenkelin von Tätern und Opfern | Amnesty International

Sima Luipert dt

Who We Are

Namibia – Deutschland – “Wir meinen Wiedergutmachung!” – medico international

Sima Luipert | Koloniales Erbe | Akademie der Künste

Genozid an den Herero und Nama: »Die deutsche Grausamkeit beginnt nicht mit dem Holocaust, sie gipfelt darin« – DER SPIEGEL

Namibia’s Nama seek recognition of Hornkranz Massacre as genocide | DW News

Deutsche Kolonialverbrechen und Schule: Black History Matters | taz.de